nature-classic

Peilstein, 716m + VIDEOCLIP

Wander- und Kletterparadies am Alpen-Ostrand.

Wienerwald, Alland, Niederösterreich. Aufstieg 100-300 Hm.

Am bequemsten P Holzschlag, Zufahrt südl. v. Alland (Wiener Außenring Autobahn A21) über Raisenmarkt oder Schwarzensee - N-Flanke/N-Kamm zum Gipfel mit dem Peilsteinhaus des Österr. Gebirgsvereins (Kletterwand, Kinderspielplatz, Aussichtsturm, Kletterschule).

ÜbersichtKartevon der Wallfahrtskirche Hafnerberg im W lässt sich nur der oberste Rand der Hauptwände erkennenvielleicht der schönste Blick auf den Peilstein - aus dem Tal nnw. von Neuhaus

Der Peilstein ist bei Weitem nicht der höchste Berg des Wienerwaldes, dafür fehlen ihm fast 200 m. Einmalig in dieser östlichsten Berggruppe der Alpen allerdings ist die westseitig ausgerichtete, über 1 km lange und bis zu 100 m hohe Wandflucht, die inmitten der weiten, grünen Kämme des Hügellandes einen scharfen alpinen Akzent setzt und eine Aussichtsloge ersten Ranges schafft. Ungeheuer wichtig für die ostösterreichischen Kletterer war seit jeher das enorme Trainingspotenzial dieser Felsen vor den Toren Wiens. Viele erstklassige Alpinisten gingen hier in die Lehre, um später im Gesäuse, am Dachstein oder in den Bergen der Welt Geschichte zu schreiben.
Die Entwicklung des Klettersports in den letzten 30, 40 Jahren wird hier besonders deutlich - mit all ihren Errungenschaften und Schattenseiten. In der Frühzeit pilgerten die Wiener Felsakrobaten am Wochenende zu Fuß oder auf dem Rad zum Peilstein, ein beliebter Biwakplatz war die riesige Arnsteinhöhle unter dem frei stehenden Felsturm eine halbe Wegstunde nördlich der Hauptwände. Noch vor 30 Jahren hatte man zumindest an Wochentagen viele der intimen Buchten zwischen Purtschellerstein, Winklerturm, Matterhorn, Cimone, Zinnenkessel und Thalhofer Grat für sich allein. Inzwischen ist der Eiserne Vorhang gefallen, an manchen Tagen klettern mehr Tschechen, Slowaken oder Ungarn als Einheimische an den bald tausend Routen. Die reich gegliederte Felsenwelt hat mittlerweile ihre fünfte (oder schon sechste?) Sanierungswelle hinter sich, nur wenige Klettergärten können sich derart dicht erschlossen und perfekt abgesichert präsentieren. Zur Schonung der Umwelt wurden im Wandfußbereich kilometerlange Steiganlagen gebaut, die jahrzehntelange intensive Nutzung in einem Einzugsgebiet, das man nach Millionen bemessen muss, hat aber natürlich am Fels deutliche Spuren hinterlassen: Viele Climbs sind mittlerweile so glatt poliert, dass man die Schwierigkeitsangaben der ohnehin berüchtigt harten Peilsteinbewertung nochmals nach oben korrigieren muss.

Ein Haupttreffer ist der Peilstein natürlich auch für harmlose Wanderer und Familien, die mittels ausgebauter Steige auf Tuchfühlung mit den oft bizarren Felsformationen gehen und die atemberaubenden Aktionen der Kletterer hautnah verfolgen können. Auf kleinen Klettersteigen lässt sich die eigene Schneid überprüfen, anschließend fällt es in den Hütten und Gasthöfen auf dem Gipfel, am Parkplatz Holzschlag oder in den umliegenden Ortschaften leicht, sich für erbrachte Leistungen gehörig zu belohnen.
Wer einmal das ganz spezielle Licht auf dem Aussichtsbalkon beim Peilsteinkreuz (siehe Video) erlebt hat, das in den Abendstunden mit zarten Violetttönen den Wienerwald und die Gutensteiner Alpen verzaubert, der wird unweigerlich an diesen magischen Platz zurückkehren und sich vielleicht sogar in die hohen Gefilde der Kletterer vorwagen. Gerade der Peilstein verfügt über ein umfangreiches Angebot an leichten klassischen Einsteigerrouten, an denen es in Klettergärten normalerweise mangelt. Mit verschiedensten Menschen aller Altersstufen haben wir hier im Verlauf der letzten Jahrzehnte den Einstieg in die Welt der Mehrseillängentouren geprobt und diese Wände, Pfeiler und Grate vielfach als Orte der Selbstfindung, Erkenntnis, Therapie, des Glücks und der Verbundenheit erlebt. Die größte Überraschung und Freude hat uns dabei natürlich Ronja bereitet, die im zarten Alter von knapp 4 Jahren die Große Teufelsbadstubenwand (ihre 244. Tour) mit uns durchstiegen hat. Auf dieser klassischen Route (aus dem Jahr 1880!) und der Zugabe, dem kürzeren, aber dafür etwas anspruchsvolleren Frohsinnsteig, könnt ihr live mit dabei sein - wir hatten die kleine Helmkamera im Hosensack (Video am Ende des Beitrags).

seit Jahrzehnten begleiten wir am Peilstein Leute aus aller Herren Länder bei ihren ersten Schritten im steilen Fels, hier Parwaneh aus dem Iran und John aus Kanada (1984)die neunjährige Julia am Ausstieg vom Gamseckgrat, einer der längsten Routen am Peilstein im 3. Schwierigkeitsgrad (1993)1999 - nach dem Abenteuer „in“ der Schermberg Nordwand (s. Archiv Neutouren) - ließ es sich Erich nicht nehmen, mit Gipsbein, Frack und Geige auf die Arnsteinnadel zu klettern2014 - Ulli klettert den mittlerweile ziemlich speckigen Cimone SW-Pfeiler, 6+. Ronja: „Und wann bin ich dran?“Matthias an der Schlüsselstelle des Pfeilers - bei seinem ersten Kletterversuch gleich im VorstiegAbendstimmung im Cimone-Couloir, rechts die VegetarierkanteRonja mit Papa im Frohsinnsteig, 3-

Ein halbes Jahr später entstanden dann die Bilder vom Gamseckgrat, einem weiteren Einsteiger-Klassiker am Peilstein.

eine kurze Leiter führt hinauf zum Einstieg des Gamseckgrates (links der Bildmitte)Ronja legt am Einstieg den Gurt anMama macht den VorstiegRonja am ersten Absatz; links die Außenbordkante, eine kurze Variante im 6. GradRonja mit Papa im oberen Teil der ersten Seillängeüber eine glatte Platte (Schlüsselstelle, 3+) ...... geht's rechts hinaus an die Kante ...... und in Kürze hinauf zum 1. Standknapp unterm Gamseckgipfel: Ronja am steilen Kantenausstieg
(28.05.2015)

Literatur: Gauster/Schall: Peilstein Kletterführer (deutsch, englisch, ungarisch). Wien: Schall 2005.

Ronja ist kein Baby mehr. Nach den 19 Baby scales mountains - Videos, welche in ihren ersten drei Lebensjahren entstanden sind, hier also der erste Kiddie climbs mountains - Film zur Tour.

Nächste Folge: Tirolergrat (Hohe Wand, Gutensteiner Alpen).

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