nature-classic

Planspitze, 2120 m. NW-Wand „Konkurs“, 6+

Reinrassige Gesäusetour mit obskurem Ausklang.

Ennstaler Alpen, Gesäuse, Gstatterboden, Steiermark. Zustieg 1000 Hm + 13 Seillängen (400 Hm).

P Gesäuse-Bundesstraße B146, 800 m sw. vom Bahnhof Gstatterboden - Höllersteig - Planspitze - Abstieg entweder NO-Kamm/Wasserfallweg, Heßhütte/Johnsbachtal oder Peternpfad/Haindlkarhütte.

ÜbersichtKarte; blau gepunktet der Bergführersteig, ehemals gut versicherter Klettersteig, heute verfallen und kaum mehr auffindbar

Richard Gollner ist eine der markantesten Persönlichkeiten unter den Gesäusel-Legenden. Mit Befriedigung kann er einerseits auf seine Erstbegehungen zurückblicken, andererseits auf die Wettbewerbserfolge seiner kletternden Kinder. Bei den Filmaufnahmen für unseren Kletternachwuchs im Unteren Ennstal am Rettenstein bei Weyer wurde die starke emotionale Bindung zu seinen Sprösslingen sichtbar. Beim Erzählen seiner vielen Berggeschichten zeigt sich ein verräterisches Glänzen in den Augen des sonst so ruhigen und besonnenen Ennstalers …

Ruhe und Besonnenheit waren wohl die Grundvoraussetzungen für Gollners Erstbegehung der Konkurs im Juli 1983. Lange Zeit hatte die Tour einen recht schauerlichen Nimbus, nicht zuletzt wegen eines tödlichen Seilschaftssturzes. „Eine Stelle VI und VI-, kleines Haken- und Klemmkeilsortiment günstig“ – so hieß es  noch im alten End-Führer. In der modernen Führerliteratur finden sich 4 Seillängen mit 6 und 6+ - und das trotz der (ziemlich alpinen) Sanierung durch den Erstbegeher und den unermüdlichen Sepp Gstöttenmayr. Durch ihre vorbildliche Arbeit hat diese Supertour ihre Todesnähe verloren, sicherlich nicht aber ihren Reiz und das prickelnde Abenteuer.

die fantastische Riesenplatte der Planspitze NW-Wand im Abendlicht, vom aufgelassenen Bergführersteig ausTanz auf den winzigen Wasserfraßnoppen der 6. SLdie Route bietet eine Reihe von elitären Quergängen, hier in der 7. SLErich in der 10. SL - die Platten werden flacher, der Ausstieg ist nah

Eigentlich schade, dass im Lauf der Jahre unsere Erinnerung an die fantastischen Wasserrillen und elitären Quergänge mehr und mehr hinter dem grotesken Nachspiel verblasst. Und das kam so:
Ein Festl bei unseren Bergbauern-Freunden Greti und Richard Schweighuber am Hirschberg, hoch über Waidhofen/Ybbs, lässt uns erst spät aus den Federn. Erst am helllichten Vormittag beschließen wir, den traumhaften Sommertag zu nutzen. Um 12.30 Uhr deponieren wir unsere Bergschuhe am Einstieg bei der Frühstückshöhle. Der Beginn der 4. SL ist fast plaisiermäßig gebohrt, aber bald schon wird es haariger. Originalton Ulli: „Wenn des a 6- is, dann möchte i den 6+ net sehn!“ Stellenweise ist die Route noch nass, was aber bei dem extremen Wasserfraß kaum stört.
Flott kommen wir durch die Tour, oben angelangt finden wir nach einigem Suchen sogar die Zenit-Abseilpiste. Nachdem wir ihren Verlauf aber nicht kennen, entschließen wir uns um 17.15 Uhr sicherheitshalber doch, den Peternpfad abzusteigen und über den Bergführersteig zu unseren Bergschuhen zurückzulaufen. Was wir nicht wissen: der Bergführersteig (Erich ist ihn vor 13 Jahren mit seinem nunmehrigen Schwiegervater gegangen) hat sich – wie so vieles andere auch – stark verändert, besser gesagt, er wurde aufgegeben. Kennern der Alpinliteratur wird ohne Weiteres einleuchten warum („oh Weg des Sandes, die Dachl is a Lerchalschas“ etc.). – Auf die nächsten paar Stunden wollen wir lieber nicht näher eingehen. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir schließlich doch noch das Schuhdepot, um 21.15 Uhr geht im Hochwald des Höllersteiges, 650 Hm über Gstatterboden, gar nichts mehr. Wir biwakieren neben einem entwurzelten Baumriesen, dem einzigen halbwegs ebenen Fleckchen weit und breit. Mitternächtliche Fackelkonstruktionsversuche mit Mullbinden, Bandschlingen und Sprühverband zeigen kein nachhaltiges Ergebnis. Dafür  ist es nach 2200 Hm Aufstieg beruhigend zu wissen, dass zwei Dosen Bier eine halbe Stunde unterhalb im Auto sehnsüchtig auf uns warten …

unser unfreiwilliger, bierloser Biwakplatz 650 Hm über Gstatterboden

Die Tour selbst ist unbedingt zu empfehlen, nicht aber unsere „Verpackung“ – obgleich sich hier zeigt, dass für Berggschichteln manchmal sogar Restmüll gern wieder hervorgeholt wird.

Gleich benachbart: der Großraminger Kirtag.
(29.-30.08.2005)

Literatur: Schall/Grabner: Genuss-Kletteratlas Österreich Ost, Band 2 Steiermark. Wien: Schall.
Reinmüller/Hollinger/Mikofei: Xeis-Auslese. Alpiner Rettungsdienst Gesäuse.

[zurück]