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Ritterkopf, 3006 m. Überschreitung O-Grat – S-Grat

Turnier auf zweischneidigem Schwert.

Goldberggruppe, Salzburg, Rauris. Aufstieg 1800 Hm.

W.H. Bodenhaus, Rauriser Tal – Ritterkaralm – O-Grat – S-Grat (Goldlacklschneid) - ??? – Gamskar – Rohrmoosalm – Bräuhütte – Krumlbachtal – G.H. Lechnerhäusl – W.H. Bodenhaus.

ÜbersichtKarteRitterkopf von N

Der Ritterkopf ist der Inbegriff eines Berges, mächtige 1800 Höhenmeter ragt er isoliert aus dem Talboden, ebenmäßige Flanken, schnurgerade Grate.

Er ist der berühmteste Kristallberg der Goldberggruppe und wird fast nur von Mineraliensammlern, wenig von Bergsteigern besucht.
(Lieselotte Buchenauer, 1975)

… ein einsamer Gipfel, im Sommer verirren sich nur ein paar Bergsteiger auf dieses anspruchsvolle Ziel, im Winter sind es noch weniger …
(Christian Heugl, 2006)

Diese Zeiten sind zwar vorbei, geblieben ist die ungeheure Anziehungskraft dieses formschönen Kolosses. Schon der Normalweg über den Ostgrat ist ein Leckerbissen, besonders reizvoll erscheint uns aber eine Überschreitung. Nach eingehendem Kartenstudium und theoretischer Ergründung aller möglichen Varianten, etwa dem Neustattkar oder der keilförmigen NW-Flanke, entscheiden wir uns für die weiträumigste Option, den Südgrat, auch Goldlacklschneid genannt, mit der eher sanften Abfahrt durchs Gamskar und der anschließenden Umrundung unseres Berges zurück zum Bodenhaus. Der Plan hört sich nicht nur toll an, abenteuerlustige Naturen werden in jedem Fall auf ihre Rechnung kommen. Etwaigen Aspiranten empfehlen wir jedoch dringend, zuvor auch das Kleingedruckte am Ende unseres Berichts zu lesen.

Sonnenaufgang am SchareckRitterkaralm gegen S (Sonnblick)Aufstieg im SteinkarlOstgrat gegen Schareck

Der aussichtsreiche Anstieg über die Ritterkaralm, das Steinkarl und den breiten Ostgrat ist weniger steil als erwartet. Vor uns stürmt bereits ein Alleingänger mit Stirnlampe über die endlosen Hänge hinauf, fährt aber schon von der Ostschulter, 2786 m, wieder ab. Die restlichen 220 Hm am schmalen Gipfelgrat sind nicht gespurt. Wir tragen hier die Schi; Werner, ein freundlicher  Schwarzacher, schließt sich uns bis zum Gipfelkreuz an.

Ritterkopf von S (Naturfreundehaus Neubau)Ritterkopf Ostgrat gegen SonnblickUlli auf der OstgratschulterErich spurt am GipfelgratUlli und Werner, der freundliche Schwarzacher, am GipfelkreuzRitterkopf gegen NW

Fantastische Rundsicht, die höheren Gipfel immer wieder in fotogenen Wolken, ein Traumtag. Wir trennen uns von Werner und jubeln die Goldlacklschneid gegen den Hocharn hinunter. Wir sind früh dran und werden mit perfekten Verhältnissen belohnt. Die 10 cm Neuschnee stören nicht, lediglich die Traversierung der drei felsigen Gratköpfe ist wirklich steil. Bald stehen wir am Beginn des horizontalen Reitgrats, schon auf Höhe der Scharte. Nur mehr ca. 20 m trennen uns von den obersten Schneezungen des Gamskares, eine steile Plattenwand zwar, aber reichlich mit Henkeln und Leisten versehen. Zuversichtlich schmeißt Erich in hohem Bogen Schistöcke und Steigeisen runter ins Kar …

Erich beginnt den Abstieg an der Goldlacklschneid, dahinter der Hocharntraumhafte Verhältnisse am Südgratnur die Traversierung der drei felsigen Gratköpfe ...... ist wirklich steilTiefblick auf Goldlacklscharte mit Goldlacklkopf und Hocharnam Beginn des Reitgrates20 Meter trennen uns von der obersten Schneezunge des Gamskaresoberstes Gamskar mit Goldlacklschneid

Das Gamskar ist in der Tat die sanfteste Abfahrt am gesamten Ritterkopfmassiv, 900 Hm perfektes Schigelände zwischen der Ritterkopf Westwand, der Hocharn Nordflanke und den scharfen Gipfeln des Rauriser Mitterkammes. Vorbei an den einsamen Oasen von Rohrmoosalm und Bräuhütte, wo der Frühling Einzug hält, geht’s die restlichen Kilometer durchs wildromantische enge Krumlbachtal, das Tal der Geier, bis hinaus zum Gasthof Lechnerhäusl; erst die letzten paar hundert Meter sind aper.

oberes Gamskar, dahinter der Rauriser MitterkammAbfahrt im Gamskar, oben die GoldlacklscharteGamskar mit Ritterkopf Westwanddie Wasserfallalm am Fuß des GamskaresRitterkopf und GamskarabfahrtRohrmoosalm gegen S (Hocharn)Rohrmoosalm, in der Mitte links zieht das Gamskar hinaufBräualm gegen Wasserfallhöhe

Für potentielle Wiederholer unserer Traumüberschreitung sei fairerweise zur Warnung die ganze Wahrheit eingestanden. Tatsächlich ist die eindrucksvolle Runde nämlich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zustande gekommen.
Nachdem Erich voller Überzeugung am Reitgrat einen Teil der Ausrüstung in die Tiefe gesendet hat und mit dem Abklettern der steilen Plattenwand beginnt, stellt er nach wenigen Metern verblüfft fest, dass die luxuriösen Griffhenkel dummerweise aus stark verwittertem Gneis mit der Konsistenz von Kuhdung bestehen (ein echtes Aha-Erlebnis für Kletterer, die meist im Kalk unterwegs sind).
Daher Plan B: Abrutschen an der 70 Grad steilen schneedurchsetzten Plattenwand. Wird von Ulli instinktiv nicht gutgeheißen, da eventuell nicht nur die Textilien in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Kluges Kind, bei der Materialbergung am folgenden Tag erweisen sich die höchsten Schneezungen des Gamskares als wesentlich steiler als es von oben den Anschein hatte.

Erich realisiert zu spät, dass Abklettern an dem stark verwitterten Gestein so gut wie unmöglich istErich bei der Materialbergung am nächsten Tag, die höchste Schneezunge des Gamskares erweist sich steiler als es von oben den Anschein hatte

Plan C: Überrobben des vereisten Reitgrates. Erich gibt ein lustiges Bild ab mit links und rechts runter baumelnden Beinen und den Schi am Rucksack (die hat er zufällig doch noch bei sich), wird aber wieder von seinem Schutzengel zurückgepfiffen; zu verlockend ist links die scheinbar so naheliegende, flachere SO-Flanke des Ritterkopfes, an sich der nächste Weg zurück zum Auto.
Also Plan D: Abstieg Richtung Ritterkar. Ulli stapft schon mit dem Gesicht zur Flanke die steile Ostseite der Goldlacklschneid hinunter. Erich folgt auf Schi und löst für Ulli durch das schräge Abrutschen großflächig den Neuschnee vom alten Firngrund. Natürlich ist er schneller unten als sie, versucht sich am unteren Rand der Mulde Einblick in die abbrechenden Grundmauern zum Ritterkar zu verschaffen. Von seinem Standpunkt unmöglich, eventuell aber von noch weiter unten. Dort deutet sich eine Rinne an, die möglicherweise bis ins Kar hinunter leiten könnte. Aber ohne Stöcke von dort wieder rauf? Wo doch die nahe SO-Flanke mit moderatem Gelände lockt?
Plan E: Querung in die Südwand. Kann ja nicht so weit sein. Haben wir ja vom Grat aus gesehen. Außerdem hat die hohe Bewölkung die Sonneneinstrahlung zu 30 – 40% abgeschattet. In Wirklichkeit ziehen wir einen knietiefen Graben durch eine Reihe von Flanken, tiefen Rinnen und über haltlose Sporne. 500 m Luftlinie später und etliche Kalorien ärmer machen wir Stand auf der Steilkante eines verschneiten Schrofensporns. Aus den Grundmauern wächst hier ein weiterer Ast in die Südwand hinauf, der die Hoffnung auf einen Ausweg hinunter ins Kar neuerlich zunichtemacht. Wir stehen auf einer ausgetretenen Kanzel, 14:00 Uhr, die Sonne knallt in die Riesenflanke, Ulli nimmt das Wort Hubschrauber in den Mund, wir haben vorzüglichen Handyempfang, vielleicht sollten wir wieder einmal eine wirklich vernünftige Entscheidung treffen.

Tiefblick von unserer ausgetretenen Kanzel aufs RitterkarUlli wünscht sich einen Hubschrauber

Alfred Pritz und Manfred Millinger von der Polizei-Flugeinsatzstelle Salzburg sind sympathisch, kompetent, routiniert. Und ein bisschen erstaunt, wie wir dort hingekommen sind, von wo sie uns jetzt auflesen sollen. Während Manfred, Flugretter und Bergführer, im Nachhinein für uns eine Chance gewittert hätte, der Flanke noch auszukommen, gibt sich Alfred, der Pilot, eher skeptisch.

Alfred (in der Libelle) und Manfred (unten dran) im AnflugManfred und Erich wenige Meter über dem Lenzanger, dahinter der Rauriser SonnblickUlli denkt über ihren nächsten Beruf nachjetzt lacht sie wieder

Wiederholer sollten also für die fehlenden Meter von der Goldlacklschneid ins Gamskar mit möglichst vielen Wassern gewaschen sein, eventuell ein Seil zum Abseilen und/oder eine reichhaltige Trickkiste dabei haben. Oder die Scharte in Verbindung mit dem Goldlacklkopf (P. 2781 der AV-Karte) als lohnende separate Tour vom Gasthof Lechnerhäusl angehen. Hoch oben im Gamskar, aus der Froschperspektive, erspäht man dann eine eventuelle Möglichkeit (fürs nächste Mal), etwas höher vom Grat durch die W-Wand abzusteigen, Schneelage und Verhältnisse sind entscheidend. Im Nachhinein weiß man’s immer besser, aber vorher kann es manchmal geschehen, dass sich nicht nur junge Häschen, sondern auch alte Hasen in den Kuhdung reiten.
(02.-03.05.2008)

Literatur: Heugl: Meine Spur. Salzburg: Rupertus 2006 (nur Ostgrat).
Buchenauer: Alpenvereinsführer Ankogel- und Goldberggruppe. München: Rother 1975.

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