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Schermberg, 2396 m. N-Wand„Schlossgespenst“/Direkter N-Grat, 5

Unser Weg durch eine der höchsten Wände der Nördlichen Kalkalpen.

Totes Gebirge, Grünau im Almtal. Zustieg 300 Hm (4,7 km) + Vorbau 350 Hm + 42 Seillängen (1050 Hm).
Erstbegehung 2.-3.7.1999, Übernachtung am Gespensterbiwak. Sanieren und Ausputzen 1999/2000.
Filmaufnahmen („Die erste Geige in der Nordwand“, Bergauf – Bergab, BR) 29.- 30.7.2002.

ÜbersichtKarte Hetzauabendliche Schermberg Nordwand über der Hetzaudie klassischen Routen

Zustieg: Almtaler Haus – Forststraßen-Ende in der hintersten Hetzau, begrünte Halde in den innersten Winkel am Fuß der Grundmauern hinauf, ab hier rote Punkte – Schrofenschlucht und begrünter Rücken an den Linzer Pfeiler – 130 m westl. auf Bändern zum Einstieg (Taferl), 2 h – Westl. Untere N-Wand „Schlossgespenst“ – nach 11 SL 130 m westl. zum Gespensterbiwak – weitere 130 m in gleicher Richtung zum 1. Stand des Direkten Nordgrates. Wandbuch. (Hierher auch ohne Schwierigkeiten auf dem Umweg durchs Büchsenkar: Forststraßenende – Wasserlauf bis an die Grundmauern, daran rechts(!) entlang auf Jagdsteig ins kleine Hochtal über dem Wasserfall – vom runden Felskopf die erste breite Rinne (ab hier rote Punkte) hinauf, weiter oben über eine Karschwelle links zum Nordgrat hinüber - Einstieg in Winkel mit Höhlendom, eine leicht brüchige Seillänge zum Wandbuch).

Detailkarte Nordwand und Schiabfahrtdie Route mit eingezeichneten Ständen und Abseilpassagen der Fluchtwege von NW (Hinterer Hetzaukogel)Detail SchlossgespenstSonnenuntergang am Terrassenbiwak, Jakobinermütze und Hetzaukögel

Topo (pdf 1,02 Mb)

Fluchtwege: sind gemäß der Dimensionen beinahe eigenständige Unternehmungen, führen aber in Notfällen zumindest schnell aus dem Steilbereich der Riesenwand.

> vom Buchplatz am Beginn des Nordgrates 25 m abseilen, markierte Steigspuren ins Büchsenkar
> vom Gipfel des 1. Turmes westl. bis zum Abbruch absteigen. Nun entweder Abseilpiste (4x25 m und 1x20 m) zum Nordgrat-Einstieg, oder westl. davon in die Hetzaugrabenrinne abklettern
> von der Höhe des zweiten Turmes (große Terrasse) westl. aufs große Schuttfeld hinunter queren, an geeigneter Stelle (nicht zu früh) kurz in den Hetzaugraben abklettern, in 2 h zur Pühringer Hütte oder hinunter ins Büchsenkar
> vom Ende des Terrassengrates (20. Nordgrat-SL, unterhalb des schwierigen Aufschwungs am Fuß des Zickzack-Pfeilers) über Schrofen schräg rechts (westl.) zu BH, 25 m aufs Schuttfeld der großen Terrasse und weiter wie oben.

Biwaks:

> Gespensterbiwak in der Mitte der Querung vom Schlossgespenst zum Nordgrat, gemütlich für 2 Personen, nicht zu früh im Jahr (Steinschlag)
> gute Unterstandshöhle 15 m oberhalb des 3. Standes am ersten Nordgrat-Turm, leistet bei den Dreharbeiten 2002 gute Dienste. (Die Höhle rechts neben dem 3. Stand ist steil, kalt und zugig, Erichs abstruser Unfall bei Sanierungsarbeiten 6 Wochen nach der Erstbegehung ereignete sich hier in 40 m Tiefe; s. Sanierung)
> am Gipfel des 1. Turmes
> auf der Höhe des 2. Turmes (Terrassenbiwak)

Geschichte - Erstbegehung - Sanierung - Film - Schitour

Diese Tour gibt - vielleicht wie keine andere – einen sehr persönlichen Einblick in unsere Welt. Die Erstbegehung war zweifellos ein Erlebnis, noch nachhaltiger und prägender für uns erwies sich die anschließende Sanierung. Bewusst sparsam sind wir mit dem Material umgegangen, dafür wollten wir eine gewisse Infrastruktur, Fluchtmöglichkeiten auf einen Abstieg außerhalb des Steilbereiches schaffen. Für uns Leichtgewichte lag die erforderliche Schlepperei (Trinken für mehrere Tage, Schlafsack und Matten, Kletterzeug, Haken, Kleber, Presse, die Hilti mit den Akkus), garniert mit allen erdenklichen Wetterüberraschungen, oft jenseits der Schmerzgrenze.
Über manche verrückte Details schütteln wir im Nachhinein den Kopf. Andererseits hat diese Wand für uns so vieles unverrückbar besiegelt und gleichzeitig viel Neues ins Rollen gebracht - jenen natürlichen Glücksmechanismus, der kaum besser genährt werden kann als durch die Zeit in den Bergen. Hier reichen sich zwei Säulen des Menschseins die Hände: das Ausleben grenzenloser Kreativität und gesunde physische Auslastung.
Die folgenden Erinnerungen sprechen für sich selbst …

Die Geschichte

Hetzau und Röll sind ein altes Klettergebiet, die ersten klassischen Wanddurchstiege erfolgten bereits vor 1920.
1970: Im Zuge einer Ersteigung des Gr. Priel steht Erich erstmals unter der gewaltigen, 1 km breiten und fast 1,5 km hohen Schermberg-Wand. Ein vorbeiziehendes Paar mit Kletterausrüstung verstärkt beim 14-Jährigen noch das Verlangen nach einer Durchsteigung.   
1978: Nach der N-Wand des Gr. Priel begeht er den NO-Grat des Schermbergs übers Almtalerköpfl und erhält einen ersten Eindruck aus der Vogelperspektive.
1980: Nach langer Überredungskampagne ist es soweit: Erich durchsteigt mit seinem Vater in 5 Stunden den Welser Weg, den leichtesten Anstieg durch die Wand.

Welserweg 1980, Erichs Vater auf der Plattenrampe unterm großen Schuttfeld ...... und am Ausstieg auf dem NO-Grat (heute Tassilo-Klettersteig)

1994: Beim Versuch einer Begehung des Linzer Weges quert Erich auf ca. 1300 m irrtümlich zu früh nach rechts und gelangt so zu den Einstiegsbändern des späteren Schlossgespenstes. Auf der erfolglosen Suche nach der mysteriösen Nordgrat-Führe aus dem Jahr 1932 – der Text im AV-Führer ist unbrauchbar und der im Wandfoto verzeichnete Routenverlauf völlig irreführend, selbst noch in der Neuauflage von 2005 – trifft er unerwartet auf erstklassigen Fels und erkundet die Wand bis hinauf zum späteren Rüsselquergang. „Umkehr wegen totaler Bisslosigkeit“ steht im Tourenbuch, Abstieg in der Schrofenschlucht (Tourenbuch: „nicht sehr unangenehm“) durch die Grundmauern, dem künftigen Schlossgespenst-Zustieg. (Dem „verpatzten“ Tag wird anschließend doch noch eine rechtschaffene Tour abgewonnen - wir erkunden die spätere Büchsenkar-Zustiegsvariante zum Nordgrat-Einstieg: durch die Hetzaugrabenrinne auf die Hochplattenkögel (lohnend) – nördl. hinab in die Scharte vor der Jakobinermütze (unangenehm und gefährlich) – durchs Büchsenkar zurück in die Hetzau: insgesamt 2100 Hm Aufstieg, 13 h)
1997: Nach der Alleinbegehung der Watzmann-Ostwand (Berchtesgadener Weg in 3 h) gelingt Erich endlich das heimische Gegenstück auf dem Linzer Weg (solo in schweren Bergschuhen trotz Zeitverlust im schon traditionellen Verhauerriss in 3,5 h)
1999: Erstbegehung Untere Westl. N-Wand „Schlossgespenst“ in Kombination mit dem darüber ansetzenden N-Grat auf direkter Linie.
1999-2000: Sanierung (ca. 90 Klebebohrhaken) und Ausputzen der gesamten Route in elf Tagen.
2002: Im Winter fahren wir vom Gipfel im westl. Randbereich der Nordwand mit Schi ab, im Sommer klettern wir die Route in zwei Tagen mit Michael Pause und einem Filmteam des Bayrischen Fernsehens für die Bergsteigersendung Bergauf-Bergab.

Die Erstbegehung

Der ursprüngliche Plan zu einer Dolomitenwoche wird kurzfristig verworfen – warum dort runterfahren, wenn bei uns so schönes Wetter ist! Gemütlich treffen wir gegen Mittag auf dem Almtalerhaus ein und marschieren los, wir rechnen ohnehin mit einem Biwak. Der Zustieg und die ersten Seillängen sind seit der unfreiwilligen Erkundung 1994 bekannt. Wir freuen uns über die schönen Platten und Gumpen, die zum Auge des Gespenstes hinauf leiten, nicht ahnend, dass diese attraktiven Formationen später in den Rotgschirr-Wasserspielen noch bei Weitem übertroffen werden.

im Rüsselquergangdie Hausmeisterin im Rüsselquergang

Am Beginn des Rüsselquerganges, dem einstigen Umkehrpunkt, muss Ulli am Stand sehr lange warten: Erich erklettert den Rüssel diagonal nach rechts aufwärts, oberhalb der heute üblichen geputzten Querung. Mit dem letzten Seilmeter und ohne Zwischensicherung erreicht er die Kante des Rüssels. – Bei der Sanierung haben wir diese dramatische Passage korrigiert und aufgeteilt, viel schöner und fester, keine Seilreibung mehr. Zwei Längen weiter haben wir beim Einbohren ebenfalls die leichtere Variante links vorgezogen; nicht ganz koscher ist der Riesenblock des Originals. In der Stirnwand des Gespenstes löst sich das Rätsel durch eine lange Rechtsquerung. Relativ kurz die originelle Steilpassage, dann entlässt uns eine plaisirmäßige Platte auf das Bändersystem. Auf halbem Weg zum Nordgrat hinüber finden wir ein herrliches Plätzchen für die Nacht - das Gespensterbiwak, eine winzige, flache, grüne Oase in der gigantischen Wandflucht. Wind und Wetter haben hier sogar einen natürlichen Bierdosenhalter mit elegantem Steg geformt. Bevor wir uns zur Ruhe legen, entdecken wir noch die kurze Abstiegsmöglichkeit ins Büchsenkar und erkunden den ersten Pfeileraufschwung des Nordgrates, dann genießen wir in der Schlafsackdecke den ungewohnt klaren Sternenhimmel und die gewohnte Wärme des anderen.

Abendstimmung im GespensterbiwakGendarm am obersten N-Grat

Voller Freude sind wir über die schöne Tour, zumal der längere Teil noch vor uns liegt …
Ohne Hast geht’s am Morgen an den Nordgrat, in möglichst direkter Linie kommen wir schnell höher. Tourenbuch: „Überraschend anhaltend gute Felsqualität, lediglich 24. -26. Nordgrat-SL vermehrte Schuttauflage und etwas brüchig. Durchwegs abwechslungsreiche Genusskletterei!“

Die Sanierung

Erst Tage danach wird uns langsam klar, was uns geglückt ist - das Schlossgespenst steht den großen klassischen Linien der Wand in nichts nach. Wir wollen verhindern, dass andere auf unserer Route zu Schaden kommen. 14 Tage nach der Erstbegehung beginnen wir mit der Sanierung, so entsteht die vielleicht erste Route über eine derart große Wand, die durchgehend mit Bohrhaken ausgerüstet wurde (Adi Stocker).
Intensive körperliche Arbeit in der Wand, oftmaliger Auf- und Abstieg an verschiedenen Abschnitten und daraus resultierende Abenteuer erschließen uns wiederum eine neue Ebene. Der Blickwinkel des Alpinisten, der die Wand in halbwegs passabler Zeit durchsteigen will, weitet sich, wenn er zum Dauergast, quasi Hausmeister der Wand wird. Der Druck, noch zeitgerecht die Welser Hütte zu erreichen, fehlt, dafür wird Platz für vielerlei neue Eindrücke. Bis jetzt haben wir 5 Nächte in der Nordwand verbracht und natürlich sehen wir sie anders als beim ersten Mal.  Albert Precht, ein Imperator, was Qualität und Anzahl seiner Erstbegehungen anbelangt, bewertet in seiner Biografie die Sanierung gewisser Touren vom Aufwand und Erlebnisgehalt höher als die erste Begehung …

26. Juli 1999, 21 Uhr, 10. Seillänge. Seit exakt 12 Stunden bohren und putzen wir vom Einstieg bis hier herauf, haben Hunderte kleine und große Blöcke entsorgt. Der neue Rüsselquergang ist jetzt schön zu gehen, aus unguten Grasnarben sind schöne Fingerleisten geworden. Vor wenigen Minuten ist von Südwesten überfallsartig ein schweres Gewitter aufgezogen. Im Gespensterbiwak, 80 m über uns, wissen wir einen Schlafsack, Proviant, sogar ein Bier. So schnell wie möglich wollen wir dieses skurrile Erlebnisbad verlassen – der eckige Durchschlupf zum nächsten Stand hinauf ist zum Wasserfall geworden. Gott sei Dank kommen noch keine Steine aus der kurzen Rinne über uns. Als wir beide am kleinen Nischenstand in den Biwaksack schlüpfen, ist es vollkommen dunkel geworden. Das Gewitter hat sich beruhigt, aber der Regen lässt nicht nach. Wir wundern uns, dass es nicht mehr Steinschlag gibt. Ist es vernünftiger, hier auszusitzen oder sollen wir versuchen, das Biwak zu erreichen? Erich probiert’s, mit seinem 24-kg-Rucksack und in Trekking-Schuhen geht er die normalerweise pläsiermäßige Reibungsplatte an, sie rinnt wie die Autobahn bei Starkregen, bei den Hemdärmeln hinein und irgendwo wieder raus. Zwei Meter über der Kante rutscht er blitzartig weg und fliegt ins Seil – den Zwischenhaken haben wir vor genau einer Woche nicht umsonst gesetzt. Eine Minute später genau das Gleiche noch mal, ein Thriller-Szenario im verschwommenen Licht der Stirnlampe. Die Nässe und Kälte macht sich mit Handkrämpfen bemerkbar. Nicht eindeutig zu sagen, wer von uns beiden momentan mehr zu beneiden ist. Jetzt sich zu Hause verwöhnen lassen können. Es gibt keine klareren Momente im Leben, gekürzt auf eines. Beim letzten Versuch erreicht Erich den 11. Stand, ohne Rucksack, mittels irgendwelcher Steigschlingen-Tricks. Rucksack aufseilen, Ulli kommt nach, nichts wie rüber zum Biwak. Der Regen hört zwar auf, aber der Schlafsack ist genauso waschnass wie wir. Kein Bier mehr, zitternd kuscheln wir uns unter die schwere Decke. Irgendwann wird es warm.

Bianca an der (bei Schönwetter) pläsiermäßigen Platte, 11. SL

Kleines Intermezzo zum obigen Bild: Wie man sieht, hatte Bianca, begnadete Fagottistin und Erichs Orchesterkollegin, anno 2004 an der pläsiermäßigen Platte eindeutig leichter lachen als wir. In der folgenden Biwaknacht im Kar unterhalb des Nordgrat-Einstieges zeigte dann der Schermberg, dass auch er alle Stückel spielen kann. Stundenlang ergoss sich extremer Niederschlag über Bianca und ihren Seilpartner. Beim Abstieg am nächsten Morgen war der Bach am Auslauf des Büchsenkares zum Fluss angeschwollen. Die beiden versuchten daraufhin, den lächerlich nahen Talschluss mittels einer Umgehungsaktion zu erreichen. Bei der anschließenden Bergung waren 2 Hubschrauber beteiligt. -

Wir schlafen bis 8 Uhr. Erich der Heizer hat beinahe trockene Kleider am Leib. Er schlägt Ulli den Abbruch des Unternehmens vor. – „Geh, wenn wir schon da sind!“ – „Dann nimm wenigstens mein Hemd!“ – Wir richten noch den 1. Turm ein und bohren die Fluchtweg-Abseilpiste hinunter zum Nordgrat-Einstieg, dann lassen wir’s gut sein.

30. Juli 1999. 22 Uhr, Terrassenbiwak. Diesmal haben wir das ganze Zeug am Normalweg über die Welser Hütte auf den Gipfel geschleppt und bohren die Stände und ein paar Zwischenhaken von oben nach unten. Beim Ausräumen vergeht die Zeit rasend schnell. Vom Fuß des Zickzack-Pfeilers klettern wir aufs große Schuttfeld hinunter und laufen zum Biwak. Keine Minute zu früh, Punkt zehn wird’s finster. Der beste Platz ist circa auf der Mitte der Terrassenschwelle, jetzt erst ist Zeit für Romantik. Es wird eine kühle Nacht, aber wir haben wieder ein gutes Stück weitergebracht.

14. August 1999, 1. Turm, 40 m unter Tag, 12 Uhr. Ein gespenstischer Schlauch. Die Stirnlampe macht die schwarzen Schlieren der Höhlenwände sichtbar, die jenseits des Eisstreifens schachtartig in Richtung Kar hinunterschießen. Eiskalte Luft strömt aus dem Schluf. Also gibt es doch eine Verbindung vom Eingang des Domes unten beim Nordgrat-Einstieg bis hinauf zum zweiten Stand; wäre doch lustig - eine Variante „in“ der Wand. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand stützt Erich sich an der Seitenwand ab und spreizt mit dem linken Bein auf einen Trittstein im Eis hinaus, um in den Schacht hinunter zu leuchten. Plötzlich ein kurzes Knirschen – eine Plattenschuppe, etwa 700 kg Fels, hat sich lächerliche 15 cm abgesenkt, Erichs rechten Fuß eingeklemmt. Mit beiden Händen untergräbt er mühsam die Ferse, holt gerade so viel Geröll heraus, dass er den Fuß nach unten zurückziehen kann und ihn freibekommt. Belasten will er ihn nicht, soviel steht fest. Ulli steht nichts ahnend eine knappe Seillänge über ihm im Freien, 700 m über dem Talboden. Bald werden sie die ersten Sonnenstrahlen erreichen, die heute diesen Wandteil höchstens drei Stunden erwärmen werden.
Ein bisschen Wärme wünscht sich auch Erich, der sich auf drei Gliedmaßen die unterirdische Schuttrinne hinaufarbeitet. Zwar sichert Ulli oben, mittlerweile spürt sie, dass etwas nicht in Ordnung ist. Eine wirkliche Hilfe ist das Seil aber erst auf den letzten Metern. Eingewehter Schnee vom letzten Winter hat eine 4 m hohe, fast senkrechte Firnwand gebildet, die es noch zu überwinden gilt. Das Bein schmerzt so gut wie überhaupt nicht, dafür brennen die Hände im Schnee wie Feuer. Bei Tageslicht wird der offene Wadenbeinbruch zur Gewissheit, vom zertrümmerten Innenknöchel erfahren wir erst am nächsten Tag. Ulli will Erich den Schuh ausziehen, der winkt ab. Während sie in Rekordzeit abklettert und durchs Büchsenkar zum Almtalerhaus hetzt, gönnt sich Erich die mitgebrachte Jause. Die Hände haben sich erholt, der Fuß tut noch immer nicht weh.
Unten im Talschluss arbeitet seit der Früh ein Waldarbeiter. Zwar dringt das Knurren der Kettensäge bis herauf, Erichs Notsignale mit Hilti und Biwaksack werden aber natürlich nicht bemerkt. Gut zwei Stunden später verabschiedet sich die Sonne, der Hubschrauber bringt dafür den Sodamin Paul, einen tüchtigen Bergführer und Flugretter aus der Steiermark und einen Kärntner Arzt, der eigentlich gerade Urlaub macht und auch Geige spielt – allerdings nur hobbymäßig. Sie wundern sich über den geklebten Standhaken und das schwere Gepäck. Dann schwebt Erich an der langen Leine, vorbei an Linzer und Welser Weg, hinüber zur Hütte und weiter ins empfehlenswerte Spital von Kirchdorf an der Krems.

Erich an der LeineKronenzeitung vom 16.8.1999, alle unterstrichenen Passagen sind frei erfunden

Und wie geht’s weiter? – 3 Wochen später Pic Gaspar, ein Azoren-Vulkan auf Terceira. Gut 2 Monate später Hermit Trail, Grand Canyon, in einem halben Tag runter und rauf, sowie Unnamed Slab, 5.8 am Indian Creek (im Nachstieg). Und Ende November die erste Schitour mit Schrauben im Bein, das Schöderhorn, Ankogelgruppe. Geht eh schon wieder.

Der Film

Dass Michael Pause, Sohn des bekannten Bergbuchautors und Redakteur der Bergsteigersendung Bergauf – Bergab des Bayrischen Rundfunks, an unserer Tour solches Interesse zeigt, das freut uns natürlich besonders. Micki hat’s irgendwie bemerkenswert gefunden, dass ein Geiger mit seiner Frau solche Sachen macht. Bei den Gesprächen im Vorfeld der Dreharbeiten sind wir übereingekommen, Aufnahmen an beiden „Arbeitsplätzen“, dem Wiener Konzerthaus und der Schermberg Nordwand zu machen. Passende Musik war bald gefunden: Mendelssohns Schottische Symphonie. Im Juni 2002 drehte Mickis Team im Großen Konzerthaussaal bei der Probenarbeit mit dem Wiener Kammerorchester unter Heinz Holliger. Ein Monat später sind wir dann alle zusammen, unterstützt von Wolfgang Stadelhuber, einem Bergführer und Jäger aus Grünau, in zwei Tagen unsere Tour geklettert. Als spezielles Geschenk an unsere Münchner Gäste haben wir ein paar Tage vorher am Terrassenbiwak ein Partyfass Löwenbräu versteckt.
Das hat sich das Team auch redlich verdient: die riesige Digi-Beta durch die Wand zu schleppen und Dutzende Male in heiklen Situationen aus- und einzupacken, dazu das schwere Stativ und das übrige Equipment – der Bayrische Rundfunk hat sich erstklassige Alpinisten geangelt und speziell für solche Zwecke ausgebildet, in der Erkenntnis, dass es andersrum nicht funktionieren würde.

das Filmteam in der Schrofenschlucht des Vorbaus, ...... am Rüsselquergang ...... und unter der Schlossgespenst-Stirnwand, 9. Stand

Aber auch der Wettergott gibt sein Bestes, ohne uns Menschlein zu sehr auf den Schlips zu treten: am 1. Turm, in Reichweite einer netten Unterstandshöhle (eine Seillänge oberhalb der Unfall-Höhle), schickt er uns ein archaisches Gewitter mit Blitz und Hagelschlag, gewaltige Sturzbäche springen über die gegenüberliegenden Wände der Hetzaukögel. Sepp Wörmann, der Kameramann, kann sein Glück nicht fassen: Im Schutz des Dachüberhangs am Höhleneingang hat er 20 Minuten lang die Apokalypse vor der Linse, welche später am Schnittcomputer in Mendelssohns Allegro agitato einen kongenialen Mitstreiter finden wird. Am Biwak wird bei blutrotem Sonnenuntergang das Bier angeschlagen, bald darauf verziehen sich alle in ihre Schlafsäcke und träumen wunschlos dem Morgen entgegen …

Ulli mit Micki Pause und Filmteam in der Unterstandshöhle, 1. TurmUmtrunk am TerrassenbiwakSepp Wörmann mit seiner DigiBeta am TerrassengratDreharbeiten am Gipfel, dahinter Gr. Priel

Die Schitour

Die folgende Schilderung wird sicher nicht dazu führen, dass einer der letzten unberührten Winkel unserer Berge dem Massentourismus zum Opfer fällt. Die Straße zum Almtalerhaus wird erst ab Mai freigegeben, und 12 km Talhatscher mit schwerem Gepäck bis zum Fuß dieses Berges sind für die meisten abschreckend genug. Dazu kommt die nicht zu unterschätzende Lawinengefahr am Zustieg zur Welser Hütte. Es handelt sich hier also um keine Schitour im herkömmlichen Sinn. Ende  März 2002 haben wir uns oben eingenistet. Am Prielkamm, zwischen Kreuz und Teufelsmauer, drehen wir für unsere Film-Monografie. Die Hütte ist um diese Zeit sehr einsam, jeden Abend kehren wir gern heim in den gemütlichen Winterraum. Zum Abschluss haben wir uns vorgenommen, eine neue Abfahrt vom Schermberg zu suchen. Nicht auf der Normalweg-Strecke des einst berühmten Schermberglaufes, sondern westlich der Nordwand in die Hetzau hinunter:
Welser Hütte - S-Flanke auf den Schermberg – Abfahrt Pfaffenschneid bis P. 1886 – Hetzaugraben bis zum Fluchtweg vom 1. Nordgrat-Turm. Die Abseilpiste ist noch nicht benutzbar, daher steigen wir vom orografisch linken Rand des kleinen Plateaus zu Fuß sehr steil in die Hetzaugrabenrinne ab (bei guten Verhältnissen event. auch befahrbar) - die steile Rinne hinab bis auf Höhe des Nordgrat-Einstieges, dann flache Querung ins Büchsenkar – gegenüber, schon in der O-Flanke der Hetzaukögel, nicht zu früh gegen den Talgrund abfahren (ausweglose Steilrinnen und Abstürze!), sondern flach bis zu einem breiten, gut befahrbaren Sporn nach N queren. Man erreicht den Talboden nördlich der Siebenbrünn.

im Auslauf der Hetzaugrabenrinne, die Abseilpiste vom 1.Turm unter Eis und SchneeRandkluft, letzte Abseillänge
(2002)

Literatur: Stocker: Longlines - die ganz großen Klettereien der Nördlichen Kalkalpen. Köngen: Panico 2014.
Jentzsch: Genußklettern Österreich Mitte. Bad Häring: Alpinverlag.

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