Lenkstein, 3236 m

Requiem für Fels und Eis.

Rieserfernergruppe, Defereggental, Erlsbach, Osttirol. Aufstieg 1700 Hm.

P Patscher Alm im hinteren Defereggental, Mautstraße von Erlsbach 6 km westl. von St. Jakob in Defereggen (Mautgebühr 9 €) – Forst-/Wanderweg Patscher Tal – Barmer Hütte – Rosshornscharte – O-Kamm aufs Fenneregg, 3123 m – Lenksteinjoch – S-Grat Lenkstein – Abstieg Rosshornscharte – St. Josef See (alternativ Rosshorn-Überschreitung; gut 100 Hm Mehraufwand) – Seebl – Rötelboden – Patscher Tal – P.

ÜbersichtKartePanorama von OstenLenkstein von Westen (Speikbodenalm, Sand in Taufers, Südtirol) ...... und aus Südosten, vom Gipfel des Almerhorn

Starke Kontraste in der großartigen Rieserfernergruppe, in vielerlei Hinsicht. In einem der hintersten Winkel Österreichs noch echtes Hochgebirge mit kühnen Formen und noch blinkenden Gletschern, grandiose Ausblicke allgegenwärtig. Andererseits wird hier der Verfall umso deutlicher. Auch andernorts bröckelt der Fels in zunehmendem Maße, dass aber einem Gletscher – hier dem südlichen Ast des Fleischbachkees, noch in allen aktuellen Karten präsent - nicht einmal mehr Zeit zum Schmelzen bleibt, weil ihn die gewaltigen Schuttströme von Lenkstein und Rosshorn buchstäblich begraben haben, das eröffnet doch wieder eine neue Dimension.
Die Klotüren der Barmer Hütte zieren viele abmontierte Wegtafeln von einstigen Steigen. Das Patscher Törl ist kaum mehr erreichbar, die Versicherungen auf die Barmer Spitze wurden abgebaut. Einstige Traumtouren werden nicht mehr begangen: Die Patscher Schneid zuletzt angeblich 2019; auch die Ohrenspitzen-Überschreitung, noch von Walter Pause zu den „Best of“ gezählt, macht heute niemand mehr. Dabei wäre das Gebiet um die Barmer Hütte noch vor wenigen Jahren beinahe als Kletter-Hotspot mit mehreren Sektoren und auch Mehrseillängenrouten aufgeblüht. Jetzt verlässt die Südtiroler Wirtin offensichtlich verzweifelt die an sich gemütliche, urige Hütte. Der Service ließ sich in keiner Weise etwa mit der Clarahütte ein paar Täler weiter vergleichen, sehr wohl aber die Preise. An diesem Debakel konnte auch die neue, 2023 mit 200.000 € EU-Förderung errichtete Materialseilbahn nichts ändern. Wir hoffen auf einen neuen Pächter mit übermenschlicher Motivation und halten die Daumen, dass er es vielleicht schafft, diese großartige Ecke Osttirols wieder attraktiv zu machen.

wir starten unsere Lenkstein-Runde auf der Patscher Alm mit Blick ins hinterste Defereggental zur Totenkarspitzeder Anmarsch führt uns durchs Patscher Tal gegen den Grenzkamm zu Südtirolhinter der Station der neu errichteten Materialseilbahn der Talschluss, die Hütte liegt links hinterm grünen Rückenden Talschluss überwinden wir links hinten in Serpentinen; zum Lenkstein geht es über die Rosshornscharte (rechts)bevor wir die Barmer Hütte erreichen (unterhalb des scharfen Norgratzahns der Mittleren Ohrenspitze), ...... passieren wir die Ruine der alten Hütte, die 1956 durch eine Lawine zerstört wurdedie neue Hütte wurde an sicherer Stelle erbautsie ist längst nicht so überlaufen wie viele andere Schutzhäuser der Ostalpen; die dreigipfelige Patscher Schneid überm Hüttendach war einmal eine begehrte Klettertour, wird heute aber eher gemieden; rechts das Rosshornder kleine Winterraum steht separat oberhalb des Haupthausesin der Gaststubealte Wegtafeln zieren die Toilettentürenauch die Lager sind gemütlichin aller Früh brechen wir zum Lenkstein auf; über der Hütte die Barmer Spitze, der Klettersteig vom Patscher Törl über den Nordostgrat wurde abgebaut, ...... die Wegtafel in Richtung Patscher Törl abmontiertauf dem Weg zur RosshornscharteRückblick auf die Ohrenspitzen, deren Überschreitung früher zu den ausgewählten „Pause-Touren“ gezählt hat, heute aber ebenfalls gemieden wirddas letzte Stück zur Rosshornscharte mit etwas verzwickter Wegführung, Ausstieg in dem kleinen Schärtchen rechts der MitteRückblick durch die Riepenscharte bis zur Marmolatabald beginnen die Versicherungen, ...... die gekonnt durch die etwas unübersichtlichen Wandstellen leitenUlli überwindet in einem feuchten Eck vereiste Felsen und Drahtseile, durch die folgende Verschneidungsrinne ...... helfen in die Jahre gekommene, steigbügelartige Halteringeam Ende der Rinne ...... steigen wir bei einem kleinen Schartl oberhalb der eigentlichen Rosshornscharte ausetwas weiter oben auf der breiten Schulter im Ostkamm des Fenneregg haben wir endlich den Lenkstein vor Augenschon auf dem Fenneregg, 3123 m, ist der Blick auf die Nordseite der höchsten Rieserferner überwältigendauf der anderen Seite erhalten wir einen ersten Eindruck von unserer Abstiegsroute zurück ins Patscher Talüberm Patscher Tal die Bergketten bis hin zu den Dolomiten und Julischen Alpenim Südwesten Patscher Schneid, Hochgall, Magerstein und Schneebiger Nockkurzer Abstieg zum Lenksteinjoch, ...... über dem sich steil der Südgrat aufbautder erste Grataufschwung wird links umgangen ...... und über eine kurze versicherte Flanke ...... wieder die Grathöhe erreichtweiter geht es in der ostseitigen Gratflanke ...... auf schmalen Bändern hinauf ...... auf den Vorgipfel, wo schon wieder eine Überraschung wartetder Hauptgipfel ist noch ein schönes Stück entfernt, die Steigspuren in der linken Gratflanke verlieren sich immer wieder; links unten ein kleines Plateau, ...... dessen kleine, fjordartige Eisseen mit Hochgallblick uns magisch anziehendie mystische Landschaft erinnert uns an Grönland (s. auch im Archiv unter Alanngorsuaq)für Fotografen lohnt sich der geringfügige Umweg auf alle Fälle, zumal man in der Gratflanke oder oben auf der Schneide kaum schneller vorankommtvom Seenplateau steigen wir über eine Geröllflanke beliebig hinauf ...... auf die Grathöhe vor dem letzten Gipfelaufschwungdie rechte Gratflanke bricht steil zum fast vollständig verschütteten Fleischbachkees ab; darüber die Fleischbachspitze, links daneben am mittleren Gratzug die Lenkspitze überm Arvental (s. Archiv), ganz hinten die Zillertaler Alpen, die höchsten drei Gipfel von links Wildgerlosspitze, Reichenspitze und Gabler (s. Archiv Schitouren)die letzten Felsstufen sind fein zu begehen, ...... die Schwirigkeiten gehen kaum über den 1. Grad hinauszuletzt ein waagrechter First zum GipfelkreuzGipfelblick gegen Nordost über den St. Josef-See und den Panargenkamm bis zum Großvenediger und Großglocknerdie Fortsetzung des Grenzkamms gegen Norden, dahinter die Zillertalerim Westen Rein- und Ahrntalim Südwesten die höchsten Rieserfernerden Abstieg nehmen wir zurück in die Rosshornscharte, dann allerdings nicht zur Barmer Hütte, sondern links hinunter übers beinahe vollständig begrabene ehemalige Fleischbachkeeskurz vor der Rosshornscharte; für Dreitausendersammler geht's rechts hinauf zum gleichnamigen GipfelRückblick von der Scharte gegen Süden auf die Ohrenspitzender Weg zum Gipfel ist sogar markiert und nicht so elend wie der erste Eindruck, man findet sogar noch Reste der legendären Südtiroler Steintreppen wie hinauf aufs Fenneregg; vom Gipfel könnte man direkt nach Norden absteigen zum Seeblsattel, den wir heute über den einstigen Gletscher erreichennur das erste Stück in Richtung See ist unangenehm steildie gewaltigen Schuttströme von beiden Seiten ...... haben vom Südast des Keeses kaum etwas übrig gelassendieser Gletscherteil umfasste noch vor wenigen Jahren eine Eisfläche von über zwei Quadratkilometerim derzeitigen Klimawandel bleibt dem Gletscher beim beschleunigten Zerfall der Felsen nicht einmal mehr Zeit zum Schmelzenübrig bleibt eine Mondlandschaft; vor uns die Bretterspitzen, über die linke Schwelle ginge es zur Seebachalm, wir steigen über die rechte hinunter zum Seebl und zurück ins Patscher TalRückblick zum Fenneregg und auf den zugeschütteten Gletscherder St. Josef-See ist ein Gletscherrandsee: durch die Bewegung des Eises wurde erst  die Hohlform ausgeschoben und ihr Grund durch feine Sedimente abgedichtet, sodass sich das Schmelzwasser sammeln konnte; links darüber die Fleischbachspitze, dahinter der höher gelegene, noch existente Nordteil des Gletschers , ...... hier links hinten, gesehen vom Gipfel der weiter nördlich gelegenen Lenkspitze im Prettaukamm der Venedigergruppeder weitere Abstieg vollzieht sich auf der Sonnseite: Tiefblick auf das Seebl, dahinter Patscher Tal und Villgratner Bergedas kleine Seebl liegt auf 2546 m Höhe ...... eingebettet in eine idyllische Hochebene, die an eine mongolische Viehweide erinnertunser Abstieg von Süden, vom Gipfel des Almerhorn (s. Archiv)über den weitläufigen Rötelboden schräg links hinunterRückblick zum Seeblsattel zwischen Rosshorn und Bretterspitzenim steiler werdenden Gelände hält man sich weiter an die roten Farbzeichen; unten an der Abbruchkante auf querlaufendem Jagdsteig nach links ...... zu einem Warnhinweis des DAV, ...... wo schon in Sichtweite des Talgrunds ein extrem steiler Pfad ...... schräg durch die schrofigen Abbrüche in den Wald ...... und nach einer abenteuerlichen, mit Ketten gesicherten Felspassage in den Grund des Patscher Tals zurückführt
(13.09.2026)

Literatur: Zahel: Osttirol zwischen Hohen Tauern und Karnischen Alpen. 50 Touren. München: Bergverlag Rother 2012.
Zlöbl: Die Dreitausender Osttirols. Lienz-Tristach: Verlag Grafik Zloebl 2007.
Peterka: AV-Führer Venedigergruppe. München: Rother.

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