Großnitzkopf, 1496 m - Zabarotkopf, 2396 m
Neuauflage des historischen Treibersteigs durch die Freiung-Nordabstürze.
Gailtaler Alpen, Lienzer Dolomiten, Nikolsdorf, ca. 5 km nw. von Oberdrauburg, 13 km sö. von Lienz, Osttirol, Kärnten. Aufstieg 1800 Hm.
Auf den Großnitzkopf: P Holzbrücke 200m nordwestl. der Bahnhaltestelle Nikolsdorf, 641 m – Forststraße jenseits der Brücke 750 m nach Westen - linker Straßenast über sechs Kehren in den Grolitschgraben - ca. 200 m auf der Straße weiter bis knapp vor eine markante Linkskurve, ca. 740 m – eine Steinschwelle markiert den teils steilen Jagdsteig ins Kar - 10 m unterm Ansitz nach rechts, hier entwickeln sich Steigspuren am rechten Rand des Kares hinauf, nach der großen Buche und dem zweiten Steinmann links um die erdige Kante leicht absteigend über Schutt hinein in die Blockrinne, dort Steinmänner und vereinzelt Steigspuren – links um ein Felseck und wieder aufwärts auf die Blockhalde – darüber nicht links zum Einstieg der Via Ander (11 SL, 8+/9-), sondern geradeaus in die anschließende Rinne (teils ausgewaschener Fels, Steinmänner, Trittstufen) empor – erst hinter einer kleinen überhängenden Nase rechts hinaus auf den moränenartigen Rand der Schluchtrinne (Steinmänner), daran wenige Meter hinauf, schräg rechts über Schutt in den Schrofenhang unterhalb der Bäume (ab hier erkennbarer Steig) und Links-Rechts-Schleife (roter Punkt am Baum rechts oben im Winkel) - durch steilen Wald auf das Sattele, ca. 1200 m, am Ostsporn des Großnitzkopf – deutliche Steigspuren mit zwei kurzen Kletterpassagen (I+) auf den Großnitzkopf. –
Weiter zur Freiung: vom Gipfelplateau (Baum mit Tafeln) gegen Süden (Lichtungen und Latschenschnitte) in den Großnitzsattel, aus ihm direkt über die Felsrippe ins 1. Schartl (I), ab hier tlw. sehr steile Latschenflanke mit ausgeschnittenen Gassen (zu Beginn felsig, Markierungsseil) - 2. Schartl – Wandl (II+, Markierungsseil) – 3. Schartl – Kamin (II, letztes Seil) – Kl. Gern, ca. 1680 m (Gipfelstein, erweiterte Aussicht vom Scharnik bis zum Rauriser Sonnblick), ab hier weniger steil – 15 m Abstieg ins Gernschartl - Rampe nach rechts – Schrofenwandl (I)auf den ausgeschnittenen Latschenrücken zum Wilden Gern, 1771 m (Gipfelstein) – zwei Rinnen horizontal queren, dazwischen immer wieder ansteigend aufs schmale Schluchtband – Schluchtquerung (jenseits roter Punkt, nicht rechts in die Schluchten hinauf!) – in gleicher Richtung nach oben sich verschmälernde Schuttrinne aufs Untere Gamsband - vom Ende des Latschenschnitts schräg rechts über Felsstufe (I) am Rand des Abbruchs aufs ausgeschnittene Latschenfeld, darin zwei felsige Unterbrechungen, die an den Rändern umgangen werden – Unterer Gang (ab hier wenige Farbpunkte zur Orientierung im labyrinthischen Fels-/Latschengelände) - Zwei Lärchen - etliche kurze Auf-/Abstiege und Rinnenquerungen, Oberes Gamsband (Mittelteil des Unteren Gangs) – man erreicht, den Latschenschnitten folgend, die kleine Wiese am Freiung-NO-Kammsattel, 2037 m – in gleicher Richtung schräg aufwärts zum letzten Latschendurchschlupf (roter Punkt), hinter dem sich der Treibersteig mit dem Normalweg vom Hochstadelhaus auf die Freiung vereint. Detaillierte Beschreibung s. auch im Bildteil. -
Abstieg über den sehr steilen Zabarotsteig (ehemals Leiternsteig, heute klettersteigmäßig versichert) direkt zum Bahnhof Nikolsdorf am viel gemütlicheren Hüttenzustieg (bei Vorbestellung auch Hüttentaxi).






Wenn man Tag für Tag die Hochstadel-Nordwand, eine der höchsten Wände der Kalkalpen vor Augen hat, kann man sich immer wieder voller Grausen abwenden – oder man wird neugierig. Aus längst vergriffener Führerliteratur (s. unten) bekamen wir Wind von einem historischen Direktanstieg aus dem 19. Jahrhundert auf die Freiung, dem östlichen Trabanten des Hochstadel. Der alte Treibersteig war mittlerweile so gut wie verschwunden und aus der Erinnerung der meisten einheimischen Jäger und Bergsteiger getilgt. Die letzte Besteigung des Großnitzkopf, einer bewaldeten Rückfallkuppe auf halber Höhe der gewaltigen Flanke, fand eigenen Angaben des ältesten noch lebenden Nikolsdorfer Jägers zufolge vor mindestens 40 Jahren statt. Jetzt ist der Großnitzkopf ein wunderbarer Aussichtspunkt (Gipfelbuch und schmiedeeisernes Edelweiß) mit ungewohnten Blickwinkeln auf Schobergruppe, Lienzer Becken, Adlerwand und Lavanter Alm geworden. Für trittsichere Geher für sich allein genommen eine nette Halbtagestour mit 850 Höhenmeter.
Oberstudienrat Prof. Rudolf Klose (1909-2005), einer der besten Kenner der Lienzer Dolomiten, erwähnt den Anstieg 1969 in seinem anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Österreichischen Touristenklub herausgegebenen Hochstadelführer:
… Auch ein alter, schwer zu findender und kaum kenntlicher Treibersteig führt übrigens durch die Steilabdachung der Freiung zu deren Nordostgipfel hinan, ein Mittelding zwischen Bergpfad und Kletterführe. Seine Begehungen durch Bergsteiger seit seiner ersten touristischen Begehung vor etwa 65 Jahren (also etwa um 1900) dürften an den Fingern abzuzählen sein …
… sehr steil und anstrengend, obwohl beim Ausstieg gegen den P. 2037 kaum wesentliche Kletterschwierigkeiten bestehen.
Aufgrund der mangelhaften Wegbeschreibungen und teils ungünstiger Linienführung im Wandfoto des AV-Führers liegt der Verdacht nahe, dass keiner der beiden Führerautoren, weder Rudi Klose noch Hubert Peterka, den Steig jemals selbst begangen hat. Seit dem Frühjahr 2024 ist es uns in 23 ganztägigen Erkundungs- und Arbeitseinsätzen gelungen, den ehemaligen Treibersteig im teils dichten Latschendschungel aufzuspüren und in optimierter Wegführung wiederzubeleben. Dieses Projekt zählt aufgrund der Dimension sicherlich zu den größten in unserer persönlichen alpinen Vergangenheit und wird vielleicht nur vom „Schlossgespenst“ durch die 1400 m hohe Nordwand des Schermberg im Toten Gebirge übertroffen.
Unser besonderer Dank gilt Peter Paul Wieser aus Sillian, der uns mit seiner unglaublichen Effizienz bei zwei Arbeitseinsätzen viele weitere mühsame Tage im Latschendschungel erspart hat.
Die Begehung dieser unbezeichneten und nicht gewarteten alpinen Route erfolgt in Eigenverantwortung und auf eigene Gefahr. Laut der Aussage eines hervorragenden einheimischen Alpinisten wird sie ohnehin nur von BergsteigerInnen unternommen werden, für die das Übernehmen ebendieser Eigenverantwortung auf solchem Terrain selbstverständlich ist. Der Anstieg wurde (bis auf ein halbes Dutzend Farbpunkte an besonders neuralgischen Stellen) nicht markiert und erfordert bereits im unteren Teil bis auf den Großnitzkopf Trittsicherheit im teilweise weglosen Gelände sowie pfadfinderische Fähigkeiten. Für versierte Alpinisten ist er ohne Seil begehbar, die wenigen zurückgelassenen Seilstücke sind dem Zahn der Zeit unterworfen, müssen nicht zwingend benutzt werden und dienen der Orientierung – will man sie dennoch verwenden, ist man nach vorausgehender Kontrolle der Belastbarkeit für etwaige Folgen selbst verantwortlich. Nicht bei Nässe begehen.
Trotz dieser ausdrücklichen Warnungen empfinden wir immer wieder große Freude auf unserem „Treibersteig“. Das Gelände ist abwechslungsreich und noch lange nicht im selben Maß dem Verfall ausgesetzt wie auf vielen unserer Dreitausender. Die langen Latschenpassagen sind gründlich ausgeschnitten, dennoch bleibt das Gesamterlebnis über die drei Zwischengipfel und den „Unteren Gang“ zum Gipfelkreuz – nicht nur im Andenken an die Leistung unserer Vorfahren - urtümlich, um nicht zu sagen archaisch.
Fürs stilgerechte Abrunden des Abenteuers gibt es anschließend keinen besseren Platz als bei den gastfreundlichen Hüttenleuten des Hochstadelhauses auf der Unholdenalm.
Der oben zitierte Rudi Klose hat übrigens zwischen 1929 und 1967 neben vielen anderen Erstbegehungen in den Ostalpen gegen fünf Dutzend teils haarsträubende, extravagante Alleingänge in den Lienzer Dolomiten unternommen. Eine dieser meist vergessenen Routen ist der Südsporn auf den Zattkofel, dem östlichsten der über 20 Türme des Keilspitzmassivs, den man zwischen Großnitzkopf und Wildem Gern im Blick hat. Diese Linie (im AV-Führer, Randzahl 762, mit Schwierigkeitsgrad I bewertet!) - wurde seit der Erstbegehung 1953 aus verständlichen Gründen nie mehr begangen. Wir haben sie nach 73 Jahren mit geringfügigen Begradigungen saniert und werden sie in Kürze als „Rudi-Klose-Gedächtnisweg“ im Archiv Klettern vorstellen.
Literatur: Peterka/End: AV-Führer Lienzer Dolomiten (Randzahl 1395). München: Bergverlag Rother 1984.
Klose: Der Hochstadel in den Lienzer Dolomiten, Kletterführer. Beilage zur Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des ÖTK, Wien 1969; beide längst vergriffen, manchmal noch in Antiquariaten oder im Internet zu finden.












































































